Ich blättere jetzt um

U-Bahn fahren ist doch immer wieder interessant. Aber auch beängstigend. Einer meiner Bekannten wurde in der U-Bahn Angst eingeflößt, wie in ihrem Abteil ein offenbar wahrnehmungsgestörter laut und aggressiv gegen Personen aus Fernost Stimmung machte. Ganz ehrlich, ich bin froh, nicht in der Bahn und nicht in diesem Abteil gewesen zu sein. Um so mehr fühle ich mit ihr.

Da sind mir die eher harmlosen, oder vielleicht auch nur scheinbar harmlosen, lieber. Der Typ ist mir schon aufgefallen, wie er wie ein aufgeplusterter Hahn am Bahnsteig auf und ab stolzierte. Baskenmütze, Sonnenbrille und eine Jacke mit Schulterpolstern an ging er einmal den ganzen Bahnsteig hin und wieder her. Dabei versuchte er wie ein Macho zu wirken, der jeden einzelnen kennt und, ähnlich wie in Frank Zanders „Hier kommt Kurt“ beschriebenen Kurt, beliebt zu sein.

Dann fuhr die Bahn ein, alle stiegen zügig ein und suchten sich einen Sitzplatz. Ähnlich wie ich wahrscheinlich jeder seinen Stammplatz. Zuletzt, das schließen der Türen wurde bereits angesagt, stieg ER ein. Ging das Abteil durch und sagte mehrfach für jeden vernehmbar: „Ich suche mir einen Sitzplatz“. Viele schmunzelten. Nachdem er das Abteil durchschritten hatte, ging er zurück, hob dabei an jedem freien Platz beschwichtigend die Hand und sagte, wieder so laut und deutlich, das sicher war, von jedem vernommen zu werden: „Passt schon“. Endlich und sogar noch vor der nächsten Station setzte er sich und öffnete eine Aktenmappe. Daraus holte er eine Zeitung hervor und verkündete mit einem gewissen Stolz in der Stimme: „Ich lese jetzt Zeitung“. So langsam hatte er die Lacher auf seiner Seite. Wenige Augenblicke später hob er die Zeitung über seinen Kopf und ließ jeden wissen: „Ich blättere jetzt um“. Das ging drei Seiten lang so, dann faltete er die Zeitung wieder zusammen und verstaute sie, zum Erstaunen einiger, kommentarlos wieder in seine Aktenmappe. Allerdings, anzunehmen das Spektakel sei nun vorbei, war ein Trugschluss. Die Bahn bremste vor der nächsten Station und der Typ stand auf, hob die Arme und ließ jeden wissen: „Das ist meine Haltestelle, ich steige aus.“ Übrigens, die Sonnenbrille hatte er die ganze Zeit über nicht abgenommen. Was mag in so einem Menschen vorgehen? Es bleibt zu hoffen, dass er wirklich zu den eher harmlosen gehört und einfach nur etwas Aufmerksamkeit sucht.
Apropos Aufmerksamkeit. Die würde ich gern auf etwas lenken, das bei Facebook und Twitter (@marcussammet) seit ein paar Tagen eben diese erregen soll. Die Lüftung eines Geheimnisses. Schaut doch mal rein!

Bitte bleibt mir gewogen und habt einen schönen Tag!

Euer

Marcus Sammet

 

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Ein Kommentar zu Ich blättere jetzt um

  1. Jo Jansen sagt:

    Die Geschichte spricht für die gute alte Papierzeitung. Der Auftritt wäre nur halb so wirkungsvoll mit Zeitung online auf dem iPad 😉
    Ich scrolle mich jetzt davon …

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