Gaffende Raser

Zwei Tage Schulung beim TÜV in der Fuggerstadt Augsburg. Ich gönne mir die Fahrt mit dem Auto dorthin. Einfach um unabhängiger vom meist doch eher schlecht funktionierenden öffentlichen Nahverkehr zu sein. Morgens noch schnell nachgegoogeld wie lang ich bei aktueller Verkehrslage benötigen würde, plante ich noch ein paar Minuten dazu. Frisch und ausgeruht ging die Fahrt los, keine besonderen Vorkommnisse bis ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft war.

Dreispurig ging es dahin, im Grunde freie Bahn, wenn da nicht ein Lastzug den vorausfahrenden Laster überholen würde. Mit meinen wohl eher gemütlich zu nennenden 120 km/h war ich immerhin fast 40 km/h schneller und der Überholvorgang dauert so nun wirklich nicht lang. Noch in einiger Entfernung im Rückspiegel nicht mal den Fahrzeugtyp erkennend, sah ich schon die Fernlichter aufflackern. Mir wurscht, bin gut zwei Drittel am überholenden Lastzug vorbei. Erneuter Blick in den Rückspiegel zeigte: Der VW Caddy forderte gefühlte 50 cm hinter mir viel Platz zum Vorbeikommen. So manch einer wird sich jetzt denken, dass 50 cm doch arg nah dran sind. Aber vergesst nicht, im Rückspiegel wirkt manches näher, als es real ist. Dennoch, das Aufblenden hätte der sich inzwischen schenken können, denn die Scheinwerfer waren für mich praktisch nicht mehr sichtbar. Kurz darauf zeigte sich für den Fahrer des Caddy (übrigens einer Augsburger Malerfirma), wie leicht sich Nebelschlussleuchten für Bremslichter gehalten werden können. Kurzes lüften des Gaspedals verstärkte wohl den Schreck, der Abstand wurde ruckartig größer, allerdings begleitet von heftigem Hupen. Längst war ich nun wieder auf der mittleren Spur – übrigens ohne ernsthaft Geschwindigkeit verloren zu haben – zog dieser rasende Maler an mir vorbei und versuchte nun noch einen Kleinkrieg in dem er sich direkt vor meinen Kühler positionierte. Die ganz linke Spur war frei und ich einen Augenblick später neben ihm und tat so, als hätte ich ein Foto von ihm gemacht. Die Handhülle war leer, aber das konnte der sicher nicht erkennen. Dazu verwies ich auf die (leider noch nicht angeschlossene) Kamera unter meinem Innenrückspiegel. Entsetzten Blickes gab er nun doch wieder Vollgas und verschwand in den Jagdgründen der A8.

Der Rest der Hinfahrt verlief angenehm ruhig, die Masse der Fahrer fährt ja doch einigermaßen vernünftig.

Den Schulungsort lebendig und nach wie vor gut gelaunt erreicht, reichte die Zeit noch für einen guten Kaffee und etwas gratis bereitliegendem Obst. Der Tag verging wie im Flug, das Thema der Schulung durchaus interessant. Das letzte Thema für diesen Tag war durch und ich konnte mich auf den Heimweg machen.

Etwas mehr Verkehr als am Vormittag, doch bei weitem noch nicht so, das es ärgerlich verzögernd wäre. Die Autobahn recht fix erreicht und den Tempomat wieder auf gemütliche 120 km/h eingestellt. Der Spritverbrauch liegt da für meinen liebgewonnenen 1999er Benz im Optimalbereich. Beinahe auf selber Höhe der A8 wie auf dem Hinweg, ähnliche Situation. Nur das der von hinten heranschießende ein Mercedes neuerer Bauart mit aggressiv dreinblickenden Front-LED-Leuchten war. Dennoch, wenn ich nun schon mehr als die Hälfte, diesmal zwei Kombis mit Pferdetransportern, vorbei bin, besteht meines Wissens nach, keine Pflicht einem Raser dadurch den Weg frei zu machen, in dem ich selbst Vollgas gebe. Nebenbei, dieser Vollidiot versuchte tatsächlich zuvor noch, links an den Gespännen vorbeizukommen! Weil ihm das wohl nicht gelang, hielt er es wohl für nötig, den Versuch zu wagen, direkt durch meinen Kofferraum zu kommen. Auch dieser musste dann feststellen, wie leicht Nebelschlussleuchten mit Bremslichtern verwechselt werden können. Wobei ich diesmal bereits dabei war, wieder auf den mittleren Fahrstreifen zu wechseln. Jedoch bin ich mir sicher, hätte ich diesen piepsgewaltigen X-Trail, welchen ich auf Mallorca als Leihwagen hatte, mein Eigen nennen dürfen, hätte die hintere Kamera wohl gezeigt, das nur wenige Millimeter zum Crash fehlten. Mir wild mit der Faust drohend, untermalt mit einem sehr taktlosen, unmusikalischem Hupkonzert zog dieser an mir wütend vorbei.

Ja, ich kann euch regelrecht denken hören. Mein Verhalten war auch nicht das Korrekteste. Wobei ich doch anmerken möchte, wenn schon jemand so dicht auffährt, das Nebelschlussleuchten und der im Sekundenbereich liegende Geschwindigkeitsverlust ausreichen, um dem dicht auffahrenden Angst zu machen, dann liegt es wohl eher nicht daran, dass ich zu dicht vorausfahre. Natürlich würde ich solche Aktionen auch dann nicht machen, wenn ich nicht allein im Wagen bin und der rechte Fuß hat direkten Kontakt zum Gaspedal um notfalls ausreichend Schub geben zu können.

Nun, das waren dann mal die rasenden Gaffer. Es gibt aber noch andere. Diejenigen, die unbedingt ganz genau hinsehen wollen müssen, wenn etwas, ganz egal was, geschehen ist. So am Autobahnkreuz A99 / A8. Ziemlicher Rückstau über Kilometer hin. Letztenendes warum? Weil auf dem Pannenstreifen ein auf der Fahrerseite zerbeulter Kleinwagen stand, dahinter ein Lastzug, hinter dem wiederum ein Polizeifahrzeug mit eingeschaltetem Blaulicht stand. Ab Kühlergrill Kleinwagen lief der Verkehr in der Baustelle wieder sehr, wirklich sehr flüssig.

Meine unlieben Gaffer, was bringt es euch? Ihr habt ein zerbeultes Auto gesehen. Mit etwas Hirn könntet ihr euch noch ausmalen, dass dieser Fahrzeugzwerg Kontakt mit dem Riesen der Autobahn hatte. Na und? Nicht euer Problem. Macht es also bitte nicht zu meinem, in dem ihr euch zum Verkehrshindernis macht. Das Gaspedal ist rechts unten, das kann wohl portioniert bis zur erlaubten Höchstgeschwindigkeit getreten werden. Der Blick sollte vorwiegend nach vorn und nicht zur Seite gehen – abgesehen von Überholvorgängen, die drängelfrei vollzogen werden sollten.

Was ist nur los mit euren Köpfen? Ich kann es nicht nachvollziehen oder verstehen.

Ich bin gespannt, was ich morgen auf der Strecke erleben darf und bitte euch

mir bis dahin gewogen zu bleiben!

Euer
Marcus Sammet

Über Marcus Sammet

Über mich? www.marcussammet.de Da wird alles gesagt.
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Ein Kommentar zu Gaffende Raser

  1. Ina Simon sagt:

    Hahaha, wieder Klasse geschrieben und am besten „…das Gaspedal ist rechts unten“, kicher

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