Abgeschossen – Abgeschlossen

Meine Kurze Geschichte hat euch hoffentlich gefallen.

Hier die versprochene Mailadresse für die Lösungswörter:

Gewinnspiel@marcussammet.de

Bitte vergesst nicht, euren Namen und Mailadresse zu nennen.

Euch allen ein wunderbares Weihnachtsfest!

Ein kleines Geschenk noch für euch alle, mit großem Dank an Stefan Zehner, der mir die Vorlage gab und erlaubte, die Geschichte etwas anzupassen. Viel Spaß!

 

Die Nougat-Kugel

Nach einer Idee von meinem Freund Stefan Zehner aus Kamen

Sonntags machten Helga und Heinz immer einen langen Spaziergang. Auch an diesem Sonntag. Eine gute Dreiviertelstunde, ganz gemütlich um einen kleinen See herum.

Heute war es ein besonderes Erlebnis, denn es hatte in der Nacht bereits ordentlich geschneit. Es schneite immer noch so stark, dass es wie in einem 3D-Film wirkte. Nur kälter. Eine Seltenheit heutzutage. Zwei Tage vor Heilig-Abend ist man ja eher Schmuddelwetter gewöhnt. Naja, im Ruhrgebiet ist es meist auch immer ein bis zwei Grad wärmer, als im Rest der Republik. Mit Ausnahme von Freiburg. Unsere Runde um den See war vollendet und wir gingen nach Haus. Vor unserer Haustür wartete eine schöne Überraschung auf uns.

Vor der Tür stand ein Säckchen mit Keksen, Plätzchen und Pralinen. Daran befestigt ein Engel aus Buchseiten (vermutlich aus einem Gesangsbuch). Allerdings ohne einen Hinweis auf den Schenker.

„Das ist aber schön!“, sagte Helga, und begutachtete das weihnachtlich farbenfrohe Säckchen, nebst Engel.

Sie stellte das Säckchen im Flur auf die Kommode und verschwand erst einmal im Bad.

Unter dem Boden des Säckchens befand sich ein kleines Paket aus roten Papierservietten, das Heinz unter den Keksen und Pralinen herauszog und in der Küche im Vorratsschrank ganz oben, hinter den Konserven, versteckte. Er wusste, was darin war, deshalb brauchte er gar nicht erst nachzusehen.

Als die beiden dann am Abend in ihrem Wohnzimmer, welches auch schon festlich geschmückt war, niederließen, holte seine Frau das Säckchen hervor, roch mit geschlossenen Augen und einem durchaus hörbaren Einatmen, am Inhalt.

„Mandeln – Lebkuchen … und … Nougat! Ich sterbe für Nougat!“

In diesem Moment wanderte die erste Nougat-Kugel direkt aus dem Sack auf die Hüften. Heinz schmunzelte. Helga wusste nicht, wie recht sie mit ihrer Annahme hatte. „Ich sterbe für Nougat“. Gut, nicht „für“ sondern „wegen“, doch für Spitzfindigkeiten war jetzt nicht die Zeit.

„Schön!“, dachte Heinz, „Sie hat es nicht gemerkt. Das hat ja wunderbar funktioniert.“

Er lächelte zufrieden und widmete sich dem Fernseher. Es lief die Wiederholung von „Zwei Weihnachtsmänner“. Zu köstlich der Bastian Pastewka und der Christoph-Maria Herbst. Der dritte Weihnachtsmann hatte gerade einen Herzinfarkt und wurde von den beiden in den Kofferraum eines alten Mercedes gehievt.

„Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen“, dachte sich Heinz.

Es lief alles so glatt. Eigentlich zu glatt. Vielleicht war die einfachste Art auch gleichzeitig die perfekteste Art?

Am nächsten Morgen stand Heinz früh auf. Er bereitete das Frühstück für seine Frau ganz penibel vor. Glücklicherweise schlief sie noch.

Draußen schneite es noch immer heftig. Eine herrliche Stimmung in Vereinigung mit „Last Christmas“ aus dem Radio. Seiner Frau sollte es schmecken. Als „kleinen Gruß aus der Küche“, legte er noch eine Nougat-Kugel auf den Frühstücksteller. Schon ausgepackt, die beiden Hälften etwas verschoben und mit einem Minzeblatt verziert. Heinz richtete das Frühstück aufs Tablett an und ging ins Schlafzimmer. Er musste etwas aufpassen, damit er den Orangensaft sowie den Kaffee nicht verschüttete und das weichgekochte Ei nicht auf die Croissants lief.

Sanft stupste Heinz seine Frau an der Schulter an. Sie begann zu lächeln öffnete beim räkeln noch unter der Decke die Augen. Sie strahlte ihren Mann an und spitzte die Lippen.

„Oh, besser nicht, ich hab etwas Halsweh und will dich nicht anstecken.“.

Eine durchaus überzeugende Ausrede zu dieser Jahreszeit, seine Frau nicht küssen zu müssen.

„Guten Morgen meine Liebe!“.

„OK, ausnahmsweise.“, antwortete sie, blickte aber bereits suchend über das Tablett.

„Geht es dir gut, mein Schatz?“, fragte Heinz vorsichtig nach.

„Ja, ja, alles OK. Etwas Magengrummeln, aber ich fühle mich gut. Und Hunger hab ich auch!“.

Sprachs und stopfte sich die erste Hälfte der Nougatkugel in den Mund.

„Na, dann frühstücke schön gemütlich. Ich werde dann schon mal den Schnee vor der Tür schippen.“

Heinz küsste seine Fingerspitzen und drückte ihr die Finger sanft auf ihre Stirn.

Durchs Küchenfenster schaute er in Gedanken aus dem Fenster auf den Zugang zum Haus. Die Schneehöhe war über Nacht tatsächlich enorm angewachsen. Die aufgeschütteten Wälle rechts und links des Weges waren mit neuem Schnee bedeckt und ihre gestern noch zerklüfteten Seiten, hatten sich in weiche Rundungen verwandelt. Sacht gingen die Hänge zum Weg hin in eine Tiefebene über, während sich rechts und links der Wälle Hochebenen anschlossen, die durch den Wind, von außen betrachtet, als alptraumhafter Schneesturm für die imaginären Bewohner dieser Hochebene, herausstellte.

Es war nicht eine Fußspur auf dem Weg zu sehen. Und das war gut so. Jeder Beweis, wer das Säckchen vor die Tür stellte, war verschwunden. Heinz hatte nicht vor den Weg zu räumen.

Er schaute eine Stunde später nochmal nach seiner Frau. Vom Frühstück war kaum etwas angerührt. Der Kaffee war kalt, der Orangesaft warm. Nur die zweite Hälfte der Nougat-Kugel war verschwunden. Das Minzeblatt schon etwas welk. Sie schlief, die Wirkung setzte ein. Heinz grübelte, war das nicht etwas zu früh? Egal. Solange es funktionierte, sollte es ihm recht sein.

Höchstens ein Tag noch. Dann würde es endlich soweit sein. Einen Tag noch warten und so tun, als ob alles in Ordnung wäre.

Sein Mobiltelefon vibrierte. Er kramte es mit spitzen Fingern aus seiner Hosentasche. Ah, eine WhatsApp-Nachricht. Von ihr. Sie war etwas neugierig: „Bitte Status der Operation durchgeben!“. Heinz antwortete: „Schläft. 2 Kugeln. Magengrummeln.“ Nach 20 Sekunden eine Antwort: „Roger. Jetzt den Zwieback. Verlauf löschen!“

Gegen Mittag hörte Heinz seine Frau. Sie kam kreidebleich, langsam schlurfend und sich krampfhaft am Geländer festhaltend von oben, aus dem Schlafzimmer. Sie kam die Treppe hinunter und rief leise nach ihrem Mann.

„Aber Schatz! Was machst du?“ er lief ihr entgegen und sie fiel ihm, sich noch am Geländer stützend, in die Arme.

„Mir ist gar nicht gut. Ich werde auch gar nicht richtig wach.“

„Ganz ruhig,“ versuchte er sie zu beruhigen. „Du hast dir wohl etwas eingefangen. Besser, wir verfrachten dich wieder ins Bett. Ich bringe dir Wasser und eine Aspirin. Essen lassen wir wohl lieber ausfallen.“

So schleppte er seine Frau zurück ins Bett und deckte sie liebevoll zu.

Als er mit dem Wasser, der Aspirin und zwei Zwieback aus dem Taschentuchpaket zurückkam, schlief sie bereits wieder. Dennoch stellte er das Tablett an die Seite ihres Bettes und weckte sie.

Mit tiefen Rändern unter den Augen und einem Blick, der mehr um Verzeihung bat, als sich Gedanken um ihren Gesundheitszustand zu machen, ließ sie sich von ihrem Mann die Aspirin und einen Schluck Wasser einflösen.

„Aber Morgen muss ich wieder fit sein, damit ich dir die Weihnachtsgans mit deiner Lieblingsfüllung machen kann.“

„Das kannst du bestimmt auch tun. So eine Magenverstimmung ist doch spätestens nach zwei Tagen wieder vorbei. Vor allem, wenn du noch etwas von dem Zwieback zu essen versuchen würdest.“ flüsterte er ihr ins Ohr.

„Möchtest du ein Stückchen Zwieback?“

„Morgen Kinder wird’s was geben,…“, flötete er fröhlich vor sich hin, nachdem seine Frau den Zwieback gegessen hatte und er gerade dabei war die Gans für den Heiligen Abend vorzubereiten. Nur wie die Füllung funktionierte, wusste er nicht. Aber was ist schon eine Füllung?

Früh, wachte Heinz am Weihnachtstag auf. Es war noch dunkel draußen. Er hatte im Wohnzimmer auf der Couch geschlafen. Ihm war dieser Teil des „Projekts“ etwas zu unheimlich. Außerdem wollte er ausgeschlafen sein und nicht die ganze Nacht durch den Todeskampf seiner Frau wachgehalten werden. Es war besser, wenn er nicht dabei war. Vor allem, weil er nicht abschätzen konnte, ob es schon soweit war.

Heinz stand auf, machte sich im Bad fertig und trank einen Kaffee. Dann präparierte er das Frühstück für seine Frau. Toast, Butter, ein Ei und den besten Camembert, den er finden konnte. Dazu eine schöne heiße Tasse Kaffee mit viel Kaffeesahne und Zucker sowie einen Orangensaft.

Alles ganz frisch, mit viel Liebe zum Detail gemacht und einer Blume in einer kleinen Vase garniert.

So gewappnet ging er, sich jeder Stufe bewusst, die Treppe nach oben und langsam den Gang entlang zum Schlafzimmer. Unter der Tür schimmerte ein schwaches Licht hindurch, welches vom Nachtlicht in der Steckdose, gleich neben der Tür stammte.

Es war mucks-mäuschen still. Heinz hörte keinen Laut. Nicht das Geringste. Kein Atmen, Schnarchen, Husten oder Krächzen. Sein Hals war trocken und brannte. Schweiß lief ihm an den Schläfen herunter.

Langsam drückte er die Türklinke herunter. Als die Tür nachgab, verharrte er einen Augenblick und lauschte. Nichts. Heinz gab der Tür mit seinem Fuß einen Schups und sie glitt, etwas an der Auslegware scheuernd, auf und stoppte erst an der Wand.

Heinz tastete eine gefühlte Minute nach dem Lichtschalter. Obwohl er ja eigentlich wusste, wo er war.

Seine Frau lag mit geöffneten Augen, an die Decke starrend, regungslos in Rückenlage auf dem Bett. Die Decke war zerwühlt und hing zur Hälfte auf dem Boden. Jedoch waren ihre Gesichtszüge entspannt, ebenso ihre Hände und Beine.

„Alles gut gegangen!“ dachte er. Schnell stellte Heinz das Tablett mit dem Frühstück, was niemals angerührt werden würde, auf den Nachttisch. Dann legte er die Decke so natürlich wie möglich über sie und schloss ihr die Augen.

„Ach ja, Meldung machen.“, schoss es ihm durch den Kopf. Doch diesmal nicht über WhatsApp. Schnell hatte er die Telefonnummer der langjährigen Hausärztin gefunden.

„Du kannst kommen. Es ist soweit.“ sagte er mit ruhiger Stimme zu ihr. Mehr nicht. Mehr war auch nicht nötig. Sie wusste Bescheid.

Auf dem Totenschein stand: Todesursache: Innere Blutungen auf Grund entzündetem Appendix.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren und ein Bestattungsinstitut seine unschöne Arbeit ohne Worte, bis auf „Guten Tag. Mein Beileid.“ und „Auf Wiedersehen.“ erledigt hatte, wurde der Esstisch schön gedeckt. An einem solchen Tag durften Platzteller, Serviettenringe und Messerbank nicht fehlen.

Die Gans war inzwischen gold-braun gebraten und glänzte im Licht der Ofenlampe verführerisch.

Jetzt konnte er bestimmen. Bestimmen, wer sich mit ihm die Weihnachtsgans schmecken lässt. Seine Wahl war getroffen. Mindestens diesen Festschmaus war er ihr schuldig. Es folgen ganz bestimmt noch viele weitere. Bis vielleicht er eines Tages Magengrummeln bekam. Aber wer wusste das schon.

Nur eines gab dem Mahl einen faden Beigeschmack, und das im wahrsten Sinne des Wortes:

Die Gans blieb dieses Jahr ohne Füllung.

Ende

Über Marcus Sammet

Über mich? www.marcussammet.de Da wird alles gesagt.
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Ein Kommentar zu Abgeschossen – Abgeschlossen

  1. Site sagt:

    Wenn man „abgeschlossen“ sagt, dann druckt man eine gewisse Distanz zum Objekt oder zur Tatigkeit aus.

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