Terror und die Frage, ob ich mich terrorisieren lasse…

Es ist ja Dauerthema: Terror. Längst in Europa angekommen, macht er vor generell anzunehmenden friedlichen Ländern keinen Halt mehr. Belgien, Frankreich und jetzt auch Deutschland. Belgien hat erschreckt, Frankreich triffts immer wieder und macht betroffen. Doch letztes Wochenende war es sozusagen vor meiner Haustür. Es waren immer noch einige Kilometer von meiner vermutlich sicheren Wohnung bis zum Ort des Geschehens.

22.07.2016 und die Ereignisse überschlagen sich. Im Olympia Einkaufszentrum oder auch kurz OEZ in München fallen Schüsse. Die ersten Berichte lassen auf einen Terrorakt mit IS-Hintergrund vermuten. Zunächst angeblich ein Täter, dann drei, letztendlich doch nur einer. Kein Terror, sondern ein Amokläufer. Macht es nicht besser, aber der Terror blieb wohl doch draußen. Oder doch nicht? Jemand läuft Amok und GSG9 macht sich auf den Weg? Dazu noch die österreichische Spezialeinheit Cobra? Ein leichter, seltsamer Beigeschmack kommt auf. Die nächsten Stunden zeigten, dass es ein Einzeltäter war und der sich wohl selbst gerichtet hatte.

Einen Tag später im bayerischen Ansbach ein „echter“ Terrorakt. Der Klassiker unter den Terroranschlägen, ein Selbstmordtäter mit Sprengstoff. Doch was für einer? Kommt nicht auf das Festival um eine größere Menge mit sich in den Tod zu reißen, zündet sich dann in der Nähe und erreicht kaum etwas. In Reutlingen rennt dann einer mit der Machete umher und tötet. Tage zuvor schwingt bei Würzburg einer die Axt.

Ja, Angst steigt in mir auf. Angst, weil mir bewußt wird, dass es mich jeden Tag, zu jeder Zeit an jedem Ort treffen kann. Heute morgen lese ich dann vom nächsten, der evtl. um sich schießen wollte. Aber diese Meldung ließ mich trotz allem schmunzeln. Der Mann mit der Waffe war stockbesoffen, hatte angeblich leicht 3 Promille Alkohol um Blut und ließ sich von zwei Couragierten zum saufen in eine Kneipe locken, wo er dann festgenommen wurde.

Schüsse, Bomben, Messer- und Axt Attacken. Was ist nur los in dieser Welt? Kaum das die Berichterstattungen anfangen, Bilder zu sehen sind in einer Fülle und Menge, die es vor 10 oder 15 Jahren noch nicht gegeben hätte, führt sich jeder zweite als Terrorspezialist auf. Jeder dritte weiß woher das Problem kommt, jeder vierte hat eine radikale Lösung und jeder fünfte wird zum Verschwörungstheoretiker. Der ganze Rest schaut sich die aufkommenden Gerüchte und Beweise an. Alles sehr verlockend, Bilder passen zu den aufgestellen Theorien, Theorien beweisen gezeigte Bilder und Videos. Alle klingen irgendwie plausibel, egal wie sehr sie sich gegenseitig widersprechen.

Wer ist schuld? Da sind sich alle einig. Die Merkel. Und die Ausländer, hauptsächlich die Flüchtlinge. Dann der Rest der Politiker und wenn die nicht reichen alle Gutmenschen. Vermutlich dann noch alle Fleischesser, weil die Vegetarier gern behaupten, das Fleischkonsum den Menschen aggressiver macht. Letztenendes war es sicher ein Schmetterling, der in China einen Sack Reis umgeworfen hat.

Ich will mich hier nicht als Fachmann aufführen, nicht als Moralapostel. Kann ich auch nicht. Denn ich war bei keinem der Ereignisse dabei, kenne die wahren Hintergründe nicht, kenne nicht die Täter, kenne nicht ihr Umfeld. Keine Ahnung wie so jemand tickt, kann es auch kaum nachvollziehen. Das lähmt mich, mach mich fassungslos, hemmt mich in meinem Leben, in meinem Tun.

Damit komme ich zum Anfang zurück. München trauert. Spontan werden Veranstaltungen abgesagt, egal ob das „kleine“ Schulfest oder das „große“ Tollwood-Festival. Keinem in München ist nach feiern. Aber ist das richtig? Darf ich nicht mehr fröhlich sein, weil Kilometer weit weg etwas geschehen ist? Muss ich mich deshalb in meinem Leben einschränken lassen? Nein, ich muss das nicht. Aber ich kann auch nicht gut drauf sein, wenn so nah bei mir sinnleer Menschen getötet werden. Andererseits musste ich feststellen, dass ich es kann, wenn ebenso sinnleer weit weg Menschen getötet werden. Es taucht die unbeantwortete Frage in mir auf, warum das so ist. Dazu gibts nur eine Vermutung: Angst davor, dass es mich selbst hätte treffen können, wenn es so nah ist.

Dann die Frage, ob der Reihentitel meiner Thriller, der sich langsam irgendwie auch zu einer Marke entwickelt, in dieser Zeit einfach geschmacklos ist. „Sterbe wohl…“ – einst als ironischer Abschiedsgruß gemeint bekommt in Zeiten wie diesen einen seltsamen Beigeschmack. Dann die Veranstaltungsreihe, die ich mit drei liebenswerten, friedlichen und meist fröhlichen Kolleginnen und Kollegen durchführe: München Mordet Mannigfaltig. Insbesondere nach diesem Freitag kommen bei mir Zweifel auf, ob beides gut gewählte Slogans sind.

Ja, sind es. Sie stoßen an, haben provokante Aussagen, fallen auf. Das war die Absicht bei ihrer Entstehung. Sie prägen sich ein und das war gewollt. Beides mag sehr ironisch und verletzend für die wirken, die jetzt trauern müssen. Aber beide Aussagen bedeuten nicht, dass ich nicht mit den Familien und Freunden fühle, die unmittelbar von den Gewaltakten betroffen wurden.

Natürlich kann und werde ich nicht so tun, als wäre nichts geschehen, als ginge mich das alles nichts an und gehe zur Tagesordnung über. Doch ich lasse mich nicht von Gewalt und Terror steuern. Es ist mein Leben, meine Buchreihe, meine Veranstaltungsreihe (geteilt natürlich mit anderen). Da hat sich gefälligst der Terror und die Angst rauszuhalten und nicht ich mich von Terror fernzuhalten, in dem ich mich in meinen Keller verkrieche und warte, bis die Welt untergegangen ist.

Leben findet jetzt statt, hier, mit jedem Atemzug. Bei dir, euch, Ihnen. Mit jedem Lachen weicht die Angst vor Gewalt zurück, Fröhlichkeit sollte uns beherrschen, nichts anderes.

Bitte bleibt mir gewogen!

Euer
Marcus Sammet

 

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