Rollator vs. Kinderwagen

Wenn jemand mit dem ÖPNV (für die sicher wenigen, die die Abkürzung nicht kennen: Öffentlicher Personen Nah Verkehr (die Großbuchstaben am Anfang sind Absicht)) unterwegs ist, kann er was erleben. Sofern er die Augen offen hält und nicht die Fahrzeit zum Dösen oder gar zu einem Nickerchen nutzt. Dann und wann wird so ein Nickerchen auch durch Gemecker, Gezicke und Gekeife gestört. So gestern in der U-Bahn hier in München. Eine etwas ältere Dame (ich bleibe ironischerweise nett) schiebt ihren Rollator langsam und behäbig Richtung wahrscheinlichem Einstiegspunkt der Bahn. Wer häufig mit der selben Linie und Bahnhof einsteigt, kann gut abschätzen, wo die Türen sein werden, wenn der Zug hält. Eine etwas weiter entfernte frische Mutter hatte offenbar den gleichen Gedanken, genau dort einzusteigen. Für mich als unfreiwilligem Beobachter eher unverständlich, denn die Mutter hätte auch eine Tür früher zusteigen wollen können. Die lag quasi auf ihrem Weg zu der Tür, auf die die ältere Dame zusteuerte. Noch dazu würde sie diese in wenigen Zentimetern, also gut einer halben Minute erreichen. Es kam, wie es kommen musste. Sie standen am vermutlichen Einstiegpunkt mehr oder weniger nebeneinander. Die Rollator schiebende ältere Dame richtete ihren Blick streng und unbeirrt nach vorn, die Kinderwagen führende Mutter wechselte ihren blitzenden Blick von Rollator zur Besitzerin eben diesens und dem Tunnel, aus dem jeden Augenblick die Bahn fahren musste. Ahnend, was geschehen würde, wechselte ich einige Meter weiter zum nächsten Punkt, an dem sehr wahrscheinlich eine Tür „halten“ würde. Wind, der von der fahrenden Bahn in den Bahnhof geschoben wurde, kündigte das baldige Eintreffen an. Auch das typische Kreischen der Schienen war schon zu vernehmen. Allerdings übertönt vom virtuellen Motorenbrüllen eines Rollators. Die ältere Dame drehte nervös am Gasgriff, ließ den hochgezüchteten Null-Zylinder-Motor des tiefergelegten und aerodynamisch optimierten Sportrollators aufheulen. Daneben grollte der hubraumleere unsichtbare V8-Motor des eines amerikanischen Muskelcars gleichen Kinderwagens auf. Wer würde das Viertelmeterrennen in die Bahn gewinnen? Wer hatte die bessere Startposition? Die Spannung stieg ins Unermessliche. Der Zug rollte ein, bremste. Die ersten Türen zogen vorbei. Schnell kontrollierte ich noch meinen Einstiegpunkt, ohne die duellierenden dabei aus den Augen zu lassen. Langsam, beinahe in wie zu einem Showdown gehörender Zeitlupe schoben sich die letzten beiden Türen in Position. Zufrieden grinste ich, selbst genau die richtige Position erwischt zu haben und stieg zügig ein, nahm meinen Tribünenplatz ein und genoss das Schauspiel der sich duellierenden Frauen. Auf der besseren Position, quasi der Pole-Position, stand die Dame mit ihrem Rennrollator. Doch die Mutter mit ihrem Muskle-Kinderrennwagen hatte den besseren Start und zog vor in die Tür hinein. Dann das unvermutete Handicap, es stand ihr ein Streckenposten im Weg. Der Rollator zog vor und nahm nun doch als Erster die Parkposition ein. Doch der Platz wurde jetzt eng, nicht ausreichend genug um den Kinderwagen mit Lenkerin noch aufzunehmen. Die ersten wütenden Schreie einer mir fremden Sprache, ich vermute osteuropäisch, wurden laut. Disqualifikation durch den Streckenposten! Alle fremdsprachlichen Einwände zählten nicht, es hieß für den überdrehten nicht vorhandenen Achtzylinder zurücksetzen und eine andere „Box“ anzusteuern. Doch die Zeit ist knapp, über die Lautsprecheranlage der Rennarena hieß es bereits: „Zurückbleiben bitte!“. Doch die frische Mutter mit ihrem übermotorisierten Wagen legte einen Sprint hin, das der Boden glühte, und schaffte es eben noch rechtzeitig auch in den Zug. Ein hochrotglühender (Zylinder-)Kopf sprühte funken-blitzende Blicke zum vermeintlich schwächeren Gegner. Doch das ungleiche Rennen war entschieden, nichts ging mehr.

Manchmal gewinnt wer, mal verlieren die anderen. Es mag wohl sein, dass in vielen beruflichen Positionen der Rücksichtslosere aber nicht unbedingt bessere die Nase vorn hat und einen Posten bekommt, für den er nicht geeignet ist. Doch was soll’s, das Leben besteht nicht nur aus der besten Position. Im oben heiter geschildertem Rennen möchte ich behaupten, das ich die beste Position hatte und doch für das Rennen absolut unwichtig war.

Macht euch das Leben nicht gegenseitig schwerer als nötig. Miteinander geht es oft besser, als gegeneinander.

Bleibt mir bitte gewogen!

 

Euer
Marcus Sammet

Über Marcus Sammet

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